Theaterpredigt zum Nachlesen und Herunterladen

Theater im Spiel der Gesellschaft Theaterpredigt zu Manuel Schöbels Inszenierung
„Hamlet. Prinz von Dänemark“ (William Shakespeare) Premiere am 18. Oktober 2025 in Radebeul
Sonntag, 2. November 2025, 17.00 Uhr Landesbühnen Sachsen


Mitwirkende: Janina Spanier, Sprecherin Marieluise Herrmann, Hackbrett und Gesang Björn Reinemer, Percussion (Cajon und Darbuka) Veikko Geyer, Violine Pfarrer Christof Heinze
Lyrik von Rainer Maria Rilke und Giannina Wedde
Der geschriebene Text kann vom gesprochenen Wort abweichen.
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Intro Improvisation über "Through bushes and through briars" (trad. England)
Sprechcollage
Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken (Ps 139.17) Wer viel lernt, der muss viel leiden (Pred 1.18)
Weisheit bei den Demütigen (Spr 11.2)
Ich habe erkannt, dass der Mensch nicht über seinen Weg bestimmt Jer 10.23
In eines Mannes Herz sind viele Pläne, zustande aber kommt dein Ratschluss, Gott (Spr 19.21).
Ach Gott, wolltest du doch die Frevler töten! Dass doch die Blutgierigen wichen! (Ps 139.19).
Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr herzlich danken wir den Landesbühnen Sachsen für die Einladung und gratulieren hier noch einmal zum 80-jährigen Theaterjubiläum in diesem Jahr, und Ihnen allen danken wir für Ihr Interesse an der inzwischen 14. Theaterpredigt, an Shakespeares Hamlet und an der aktuellen Inszenierung, die am 18. Oktober Premiere hatte.
Kein Vorhang trennt die Gesellschaft von der Bühne, wenn man das Theater betritt, und der Abend beginnt auf einer Bühne, die so aussieht, wie Sie das hier gerade vor sich sehen. Bildhauerische Kunstwerke stehen wie in einem Depot herum, Bilder der Bildung aus vielen Menschheitsepochen – griechische und ägyptische und solche, die wir aus der klassischen Moderne kennen – einer aus Rodins Bürgern von Calais, eine große Stehende von Lehmbruck, eine Schwimmerin von Gerhard Marcks, eine Dreiviertel-Figur von Henry Moore, die später mitunter vom König unwirsch zur Seite getreten wird – und die Kisten drumherum lassen sie
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aussehen, als würden sie bald eingemottet und weggepackt. Dazu hören wir Bruchstücke aus der Philosophie, die Griechen Sokrates und Heraklit und ihr indischer Zeitgenosse Sidhartha fliegen uns in kleinen Fetzen um die Ohren, aber auch Anselm von Canterburry und Shakespeare selbst. Dazu Bühnennebel und Musik. Wir haben die Theaterpredigt mit einer Sprechcollage aus Versen der Hebräischen Bibel begonnen, aus dem Propheten Jeremia, dem Buch der Sprüche, dem Prediger Salomo und dem 139. Psalm – als Referenz an diesen Beginn der Inszenierung, aber auch in Beziehung zu dem, was wir über Hamlet denken.
Was für ein Auftakt, habe ich gedacht – innerlich eingestellt auf die nächtliche Terrasse am Schloss Helsingör, wo unheimlicherweise sich nachts ein Geist in Gestalt des gerade gestorbenen Dänenkönigs Hamlet zeigt, erst den Wachen, dann auch Horatio und schließlich dem 30-jährigen Prinzen Hamlet, dem Sohn des Toten. Wo die Unterhaltungen zeigen, dass das ganze Land sich in unterschwelliger Angst befindet vor einem Krieg mit Norwegen, und dass überall in Dänemark die Rüstungsindustrie auf Hochtouren läuft. Denn vor drei Jahrzehnten hat der jetzt gestorbene alte Hamlet dem norwegischen König Fortinbras Land abgenommen, nicht in einem Krieg der Armeen, sondern damals noch in einem Zweikampf unter Königen. Jetzt ist es der Sohn des Norwegers, der junge Fortinbras, der sich das zurückholen will und eine Armee zusammenstellt. Ein Krieg könnte in der Luft liegen, keiner spricht gern davon, aber allen sitzt die Furcht davor in den Knochen. Zugleich ist der mit Horatio sicher wegen der Beerdigung des Vaters von seinen Studien in Wittenberg zurückgekehrte Hamlet angewidert vom Staate Dänemark, von den Besäufnissen und dem geistlos-luxuriösen Leben am Hof, von den charakterlosen Lakaien, die ihre Fahne in jeden Wind hängen, wo der auch immer gerade her weht. Und vor allem aber von der flott geschlossenen Ehe seines Onkels Claudius, seines alten Vaters Bruder, den er verachtet – mit Gertrud, die Hamlets Mutter ist, die er liebt. König und Königin sind die beiden nun. Diese Hochzeit hat stattgefunden, kaum dass der alte König Hamlet unter der Erde und die Taschentücher trocken waren, und sie widert den jungen Prinzen an, der um seinen Vater trauert. Ein Geist in der Gestalt des verehrten Vaters wird dem jungen Hamlet sagen, was keiner weiß und auch nur für möglich hält am Hof und darüber hinaus: Der alte Hamlet starb nicht an einem Schlangenbiss im Garten, wie alle meinen, sondern sein Bruder, der neue König Claudius hat ihn heimtückisch ermordet!
In der Torah, in der Genesis unserer Bibel, lesen wir eine überaus geheimnisvolle Erzählung von Jakob, dem Stammvater der zwölf Stämme Israels:
In jener Nacht stand Jakob auf, ließ seine beiden Frauen, die beiden anderen Mütter seiner Kinder und seine Kinder selbst die Furt des Jabbok überqueren und brachte all seine Habe auf die andere Seite des Flusses. Er selbst blieb allein zurück. Als er allein war, rang mit ihm ein Mann, bis der Morgen aufstieg. Als der Mann sah, dass er ihn nicht besiegen konnte, berührte er seine Hüfte. Jakobs Hüftgelenk renkte sich aus, als er mit ihm rang. Der Andere sagte: Lass mich los; denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob entgegnete ihm: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Der Andere fragte ihn: Wie ist dein Name? Jakob, antwortete er. Der Andere sagte: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel – Gotteskämpfer. Denn mit Gottheit und Menschheit hast du gekämpft und gesiegt. Nun fragte Jakob: Nenne mir deinen Namen! Der Andere entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort. Jakob gab dem Ort den Namen Pni-El - Gottes Angesicht –

und sagte: Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch am Leben geblieben. Als er an Pni-El vorüberzog, ging ihm die Sonne auf, und er hinkte an seiner Hüfte (Genesis 32.23-32).
Ich weiß nicht, was ich denken soll – der Satz gehört ursprünglich zu Ophelia, der Tochter des Höflings Polonius, und sie reagiert damit auf die stürmischen Avancen des Prinzen Hamlet, vor denen sie vom Vater ebenso gewarnt wird wie von ihrem Bruder Laertes. Ich weiß nicht, was ich denken soll – bei dieser Erzählung aus der Torah geht es mir ebenso: Jakob-Israel schaudert es: Niemand lebt, der Gott sieht, aber ich habe Gott von Angesicht gesehen und bin am Leben geblieben. Dass aber sein nächtlicher Gegner ihn nicht nur nicht besiegen kann, sondern ihn bitten muss, ihn freizugeben, weil die Morgenröte aufsteigt – passt das nicht eher zu einem Dämon, einem nächtlichen Gespenst, das bei Tageslicht verschwinden muss, als zu dem ewigen und unfassbaren Gott der Torah? Was sollen wir denken?
Was war das? Auch der junge Hamlet geht mit dieser bangen Frage aus der Begegnung mit dem Geist hervor, der die Gestalt des Vaters hatte und ihm nicht nur von dem Mord erzählt, von dem sonst keiner weiß, auch Hamlet selbst nicht, bis dahin. Sondern ihn darüber hinaus zur Rache auffordert. Was war das? – so fragt er sich nun. Ein Dämon, eine Versuchung? Oder doch eine Offenbarung der Wahrheit, eine Aufforderung, die Gerechtigkeit wieder herzustellen, einzurichten die Zeit, die aus den Fugen ist (bei Erich Fried: „aus dem Leim“)?
Zu Beginn von Manuel Schöbels Inszenierung steigt der Geist in Gestalt des alten Hamlet aus der Tiefe empor, im Theater aus der Versenkung. Zusammen mit einer Nachbildung des „Denkers“ von Auguste Rodin, zu einem Höllentor gehörig, eine Ikone des 19. Jahrhunderts, später aufgegriffen beispielsweise von Edvard Munch, Charlie Chaplin und Woody Allen. Rodin hatte einen Satz gesagt, der sonst nur von der Religion gesagt werden kann: Die Kunst enthüllt den Menschen den Sinn ihrer Existenz. Dieses prägnante Eingangsbild lässt mich bei der Erzählung der Torah wie bei Hamlet an Rilke denken, den Zeitgenossen und Freund Rodins.
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen. Aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang. Und ich weiß noch nicht: Bin ich ein Falke, ein Sturm, oder ein großer Gesang?
Was nun? In den Synagogen, Kirchen und Moscheen können wir Menschen uns dem Unfassbaren im Schutz von Ritualen nähern, in Gebeten und Gesängen, in Formeln, die viel mehr sagen, als wir uns selbst ausdenken könnten. Ich glaube, dass das wertvoll ist, dass es mir und anderen Halt geben kann, wo sonst keiner ist. Sonst hätte ich nicht 40 Jahre lang daran arbeiten können, wie das gehen kann – nur um jetzt, am Ende zu sagen, dass ich damit nicht fertig geworden bin. Nicht fertig werden konnte, weil niemand damit fertig wird – jahrtausendelang. Und auch das Theater wird nie fertig, und Theaterleuten geht es ja ähnlich, mit dem Faust, mit dem König Lear, dem Nathan, mit dem Warten auf Godot oder auch mit Hamlet. Jede und jeder einzelne und jede Epoche oder Gesellschaft sieht in diesen Stoffen ihr eigenes Bild und hört darin die eigenen Fragen. Und so legt die Inszenierung gleich zu Beginn den Fokus auf das, was seit der griechischen Tragödie das Theater versuchen kann, wo es nicht nur Unterhaltung ist, sondern ins Spiel bringt Sagbares, Unsagbares, Himmlisches und was der Erdkreis trägt (Sophokles, Ödipus) oder was kein Ohr jemals gehört und was kein Auge je gesehen hat, so Jesaja in der Hebräischen Bibel, aufgegriffen von Paulus im 1. Korintherbrief (Jesaja 64.3, 1Korinther 2.9). Es ist das Theater, das Spiel im Spiel der Gesellschaft, in das wir als Zuschauerinnen und Zuschauer hineingeführt, ja hineingezogen werden. In Shakespeares Stück will sich Hamlet mit diesem Mittel, dem Gastspiel einer Theatertruppe, Gewissheit darüber verschaffen, ob ihn ein Dämon genarrt hat oder ob ihn die Stimme der Gerechtigkeit zu einer Tat auffordert. Und diese Theatertruppe, dieses Spiel im Spiel, ist tatsächlich Hamlets einzige konkrete eigene Initiative in Shakespeares Stück. Ansonsten ist er ein monologischer Denker oder – in der unerbittlichen Eskalationsschraube der Tragödie – ein Reagierender. Das wird nun auf die Bühne gebracht, das Spiel im Spiel, das Theater im Theater.
Zwischenspiel „Yildizlarin Altinda“ (trad. Türkei)
Dieses Theater im Theater ist im Hamlet von circa 1600 eine Episode, von Hamlet „Mausefalle“ genannt. Sie bahnt sich im zweiten Aufzug an und vollzieht sich im dritten, als der Hof und vor allem König Claudius, von Hamlet und Horatio genau beobachtet, den Mord im Schauspiel sehen. Von der Reaktion insbesondere des Königs erhofft sich Hamlet Klarheit.
In Manuel Schöbels Inszenierung ist das Spiel im Spiel von dort aus ausgedehnt und in die ganze Tragödie hineingewoben, es vollzieht sich vom Anfang bis zum Ende des Abends. Ein pantomimischer Tänzer, ein weißer Luftballon und weinrote Textilien erinnern fortlaufend daran. Die stumme Figur des Tänzers ist dabei eine mitleidende, verständnisvolle und einfühlsame Gestalt, die das Spiel der Figuren begleitet, immer hell gekleidet und geschminkt. Sie hat sterbensschöne Momente, wendet sich der hilflosen, auf eine rührende, so zärtliche wie bittere Weise wahnsinnig gewordenen Ophelia zu, überbringt Horatio die Briefe von Hamlet und deckt am Ende die Leichen des Königspaares zu. Manchmal ist sie einfach nur Zeugin des Geschehens, greift nicht ein, ist aber auch nie teilnahmslos.
Wir erleben nun aber dennoch mit, wie Hamlet um Gewissheiten kämpft, die es nicht geben kann, wie er selbst in Schuld gerät wie in einen Strudel, an Ophelia, an ihrem Vater Polonius, an Rosencrantz und Güldenstern, von deren Opferung er so kaltblütig erzählt, dass auch Horatio entsetzt ist. Er wendet sich von der erst glühend umworbenen Ophelia in einer Weise ab, die demütigend ist und für das Gegenüber zwiespältig. Wie all die jungen Leute im Stück wäre er gern glücklich, aber das persönliche Glück in der Liebe will ihm nicht passen in die Welt, wie sie ist. Die Welt widert ihn an, und dieser Widerwille und der im Dienst einer möglichen Rache am mutmaßlichen Mörder seines Vaters vorgetäuschte Wahnsinn berühren sich, fließen zuweilen ineinander und gehen ineinander über. Als ihn der geheime Hofrat Polonius bei seiner ihn abgöttisch liebenden Mutter belauscht, tötet er ihn und stürzt dessen Tochter Ophelia in eine noch tiefere Verzweiflung, die sie verlieren lässt, was wir den Verstand nennen, jedenfalls aus allen Bahnen wirft und in den Tod, wohl in den Selbstmord treibt. Diese ersten Todesfälle setzen den Zusammenfall des ganzen dänischen Hofsystems nun in Gang und bringen ihn in Fahrt.

Der König schickt Hamlet mit Rosencrantz und Güldenstern nach England – wieder Theater im Theater, wenn die beiden als geknebelte Schauspieler unterm Tisch sitzen, weil die Macht die Kunst zum Schweigen bringen will, nur um im nächsten Moment wieder benutzt und auf die Reise geschickt zu werden als die Gestalten, die sie in der Tragödie sind. Das geht immer ineinander über und hat Scharniere. So spricht eine Gruppe um Horatio im Chor, was ursprünglich in einem Hamlet-Monolog steht: Die Zeit ist aus dem Leim. Fluch ihren Tücken, dass ich zur Welt kam, sie zurechtzurücken – als wollten sie sagen: Das geht uns hier alle was an, das kann einer allein nicht tragen. Laertes eilt nach dem Tod seines Vaters aus Frankreich zurück nach Dänemark, bedrängt König Claudius mit einem in Stimmung befindlichen Mob, der ihn, Laertes, zum König proklamieren will. Claudius gelingt es, den Zorn des verzweifelten Sohnes von sich weg auf Hamlet zu lenken, der ja tatsächlich Polonius erstochen hat. Um so nicht nur sich selbst zu retten, sondern auch die Beseitigung Hamlets und damit der Gefahr zu planen, die ihm von dem unberechenbaren Prinzen droht. Die wunderbar ironisch und zugleich ganz und gar ernsthaft inszenierte Friedhofsszene bringt alle noch einmal zusammen, bei Ophelias von der Kirche geduldeten und liturgisch auf das Minimum reduzierten Begräbnis. Hamlet und Laertes krachen aufeinander mit der vollen Wucht ihrer Gefühle. Nun soll es einen Zweikampf geben, zuvor schon von Claudius ausgeheckt, mit dem auf seine Rache fixierten Laertes als Waffe des Königs gegen Hamlet, eine Wette auf ein Gefecht, mit einer vergifteten Degenspitze und – zur Sicherheit – einem Giftkelch zum Trinken. Wenn Machtmenschen einmal mit dem Vergiften angefangen haben, können sie schwer damit aufhören, dafür stehen zuletzt die Namen von Opfern wie Alexander Litwinenko, Sergej Skripal und Alexej Nawalny. Nicht nur – wie geplant – Hamlet, sondern auch die Königin, die ahnungslos den bereitstehenden Becher trinkt, der alles viel zu spät begreifende Laertes und schließlich auch von der Hand des sterbenden Hamlet der König Claudius fallen dem grandiosen Plan zum Opfer. Am Ende betritt der junge Norweger Fortinbras den Schauplatz, von dem wir eingangs gehört haben. Er tritt bis dahin im Stück nur einmal kurz auf bei einem eher sinnlosen Waffengang in Polen, wo Hamlet in der sturmumheulten Einöde die Truppen beobachtet und sich deren Entschlossenheit vor Augen führt im Gegensatz zur eigenen Passivität. Dänemarks Establishment, falls es bis zum Ende noch am Leben war, liegt zum Schluss auf den Brettern, die auch hier die Welt bedeuten. Fortinbras wird kampflos neuer dänischer König – wer auch sonst? Das zwischen Aufrüstung und diplomatischen Bemühungen hin und her schwankende dänische Königreich hat sich selbst von innen zerlegt und ausgelöscht.
Unsre Toten fallen in den Nächten aus den Falten
des geschwärzten Himmels allem Leben zu,
stürzen durch gedachte Grenzen, die die Ordnung halten,
brechen jedes Schweigen und Tabu,
wandeln unter uns und tragen über ihren Köpfen
wurzelatmend aller Dinge Zeit,
lesen durch die Fersen reine Quellen auf und schöpfen
menschgewordne Gegenwärtigkeit.
Unsre Toten wandern in den Nächten durch die Lichter,
die wir tragen wie im Kampf das stumpfe Schwert,
zärtlich drehen sie dann unsere alternden Gesichter
hin zur Flamme, die sich selbst verzehrt,
dann erblühn sie, frei von unsren tief durchschmerzten Händen,
wacholderblau, schneeweiß und karmesin
und wir, durchtränkt von Farben, die sie selbstvergessen spenden,
lassen unsre Liebsten weiterziehn.
Zwischenspiel „Pearl´s Dream“ aus dem Film "Night of the Hunter" (W.Schumann, 1955)
Gibt es überhaupt eine „Theologie“ im Hamlet, eine Perspektive, mit der ein jüdischer oder christlicher Glaube ins Gespräch kommen könnte? Oder läuft hier alles auf Verzweiflung und Nihilismus hinaus? Ist Shakespeare und ist insbesondere Hamlet vielleicht gerade deshalb so modern? Religiöse Bezüge gibt es im Hamlet auf Schritt und Tritt, und eine Weile war ich in Gedanken bei der Jephta-Tragödie im Buch der Richter (Ri 11.1-40), Gegenstand nur einer kleinen Anspielung Hamlets gegenüber Polonius, der das gar nicht versteht. Für uns, habe ich dann entschieden, wäre das etwas für ein Wochenendseminar im Ruhestand, und ich bräuchte für die Leitung noch eine Frau als Partnerin. Da hätten wir Zeit für Jephta und seine Tochter, Polonius, Ophelia und – Hamlet. Ich will stattdessen auf einige Spuren hinweisen, von denen einige auch nicht im Fokus der aktuellen Inszenierung mit dem deutschen Text von Erich Fried liegen, die aber zum Shakespeare-Urgestein des Hamlet unbedingt gehören.
Achten Sie einmal auf das versuchte oder gescheiterte Gebet des Königs Claudius, in dem wir zweifelsfrei erfahren, dass er tatsächlich der Mörder seines Bruders ist. Denn in seinem Versuch zu beten, der misslingt, ist Claudius nicht nur im Selbstgespräch geständig, sondern sich auch darüber im Klaren, dass im Unterschied zur Welt der Menschen vor dem Grund des Lebens keine Täuschung möglich ist. Vor Gott gibt es kein Vertuschen und Verstecken. Und Hamlet steht dabei und spielt mit dem Gedanken, den in seine Unfähigkeit zur Reue verknoteten Claudius so zu töten, wie der seinem Vater im Schlaf das Leben genommen hat. Er tut es nicht. Es ziehen sich nämlich durch den Hamlet-Text die immer wiederkehrenden Fragen danach, was das Leben und schließlich unser Sterben mit Himmel und Hölle zu tun haben könnten. Fragen also wie die, ob die Seele des alten Königs womöglich in einer Zwischenwelt herumgeistern muss, weil er bei seiner Ermordung mitten aus seinen Sünden herausgerissen wurde. Dass ein Betender demgegenüber, wenn er im Gebet ermordet würde, in seiner Seele direkt vor Gott treten und um seines Gebets willen in den Himmel gelangen würde. Deshalb sticht Hamlet den Claudius in besagter Szene eben nicht ab, weil er ihn im Gebet wähnt. Vielsagend ist in diesem Zusammenhang auch wie Hamlet seine zwei ahnungslosen Jugendfreunde dem englischen Henker ausliefert. Er öffnet zunächst und ändert dann das Sendschreiben seines Onkels Claudius, nachdem er selbst hätte getötet werden sollen. Und lenkt eben diese Anweisung auf die Überbringer, also Rosencrantz und Güldenstern. Sie sollen umgehend getötet werden, they should be put to sudden death, no shriving time allowed, sofort, ohne die Zeit für Beichte und Absolution. Das ist im Rahmen dieses Denkens perfide und voller Verachtung für das Lakaienhafte, das sich zur Benutzung freigibt – wir hören das von Hamlet selbst, weil er es Horatio erzählt, vor dem fatalen Finale. Auch die Überlegungen der Totengräber vor der Bestattung von Ophelia gehen in diese Richtung. Hat sie sich das Leben genommen? Und was heißt das für ihre Seele in der Ewigkeit? Sein oder Nichtsein haben jedenfalls einen Ewigkeitsbezug, und der ist unverfügbar für uns. Antworten darauf gibt es nicht im Rahmen unseres Denkens. Aber die Frage zieht sich durch den Hamlet, the dread of something after death, the undiscovered country from whose bourn no traveller returns, ein Grauen vor etwas nach dem Tode, dem unentdeckten Land, aus dem kein Reisender zurückkehrt. Im berühmtesten seiner Monologe entringt sich Hamlet förmlich dem Gedanken, die Welt eigenmächtig zu verlassen, so sehr sie ihn auch schmerzt und anwidert, weil er sich fürchtet vor dem Unbekannten und Unverfügbaren. Thus conscience does make cowards of us all, solches Bewußtsein macht uns alle zu Feiglingen. Deshalb tötet er auch Claudius nicht, als er ihn auf dem Präsentierteller und die Klinge in der Hand hat. Er kommt ja aus Wittenberg, und wo, wenn nicht dort übersetzte man den Römerbrief, wo auch Hamlet im 12. Kapitel lesen konnte: Rächt euch nicht selbst, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich werde vergelten, spricht der Herr (Rö 12.19, vgl. Lev 19.18; Dt 32.35). Dass da in Gott ein unverfügbares Geheimnis ist, wie in der Erfahrung Jakobs in der Nacht am Ufer des Jabbok, das ist Hamlet klar. In Shakespeares Text heißt das „a divine“ oder „a special providence“. Das sind keine biblischen Ausdrücke, meinen aber einen göttlichen, uns unbekannten Entwurf von allem, was geschieht. Der dunkel ist und unserem Denken, Wollen und Planen entzogen. Und das ist nicht nur dieses oft in Hamlet gesehene Zögern und Zaudern, das ist auch ein Wissen um etwas Größeres als wir selbst es sind, über das wir nicht verfügen. Das muss nicht Furcht allein, das kann auch Ehrfurcht sein. Auch damit kämpft Hamlet, von Michael Berndt-Cananá großartig gespielt, immer wieder auch bis in die Fingerspitzen – was heißt denn das nun aber hier, in meinem Hier und Jetzt, in meinem konkreten Dilemma?
Und dann, vor den verhängnisvollen Schlussgefechten, die auch an und für sich sehenswert sind in dieser Inszenierung, bespricht sich Hamlet mit Horatio, dem man in dem großartigen, intensiven Spiel von Julia Rani abspürt, dass ihm ganz und gar nichts Gutes schwant. Als Hamlet Horatio von seiner früh beendeten Seefahrt nach England erzählt, sagt er zu Beginn im Shakespeare-Text: Let us know, our indiscretion sometime serves us well, when our deep plots do pall. And that should learn us: There’s a divinity that shapes our ends, rough-hew them how we will.
Lasst uns einsehen, dass Unbesonnenheit uns manchmal bestens dient, wenn tiefe Pläne scheitern. Das lehre uns: Da ist eine Gottheit, die unsre Zwecke formt, wie wir sie auch entwerfen.
Horatio antwortet: That is most certain. Das ist ganz sicher.
Und als Horatio vorschlägt, ja darum bittet, das Gefecht mit Laertes unter einem Vorwand abzusagen, das haben wir bis auf die ersten, entscheidenden Sätze auch in der Bühnenfassung, entgegnet Hamlet: There is a special providence in the fall of a sparrow. If it be now, `tis not to come. If it be not to come, it will be now. If it be not now, yet it will come – the readiness is all.
Es waltet eine besondere Vorsehung im Fall eines Sperlings. Geschieht es jetzt, so geschieht`s in Zukunft nicht. Geschieht es nicht in Zukunft, so geschieht es jetzt. Geschieht es jetzt nicht, so geschieht es doch einmal in Zukunft. Bereitsein ist alles.
Hinter diesen Worten steht, und auch das wird der Prinz ganz sicher in Wittenberg übersetzt haben, ein Christuswort im Matthäusevangelium:
Was ich euch im Dunkeln sage, gebt am hellen Tag weiter, und was ihr ins Ohr geflüstert hört, ruft von den Dachterrassen herunter. Habt keine Angst vor denen, die nur den Leib töten, der Seele aber nichts anhaben können. Ihr wisst doch, dass zwei Sperlinge für eine Kupfermünze verkauft werden. Doch nicht einer von ihnen fällt auf die Erde, ohne dass euer Vater es zulässt (Mt 10.27-29).
Niemand ist weiter weg von plakativer Frömmigkeit als Shakespeare, aber das wirkt, als willige einer ein in das hebräische Wissen, das wir eingangs gehört haben aus dem Buch der Sprüche: In eines Mannes Herz sind viele Pläne, zustande aber kommt dein Ratschluss, Ewiger (Spr 19.21). Was das ist, weiß niemand. Zu unserem menschlichen Unwissen gehört immer auch die ungewisse Zukunft. Denn das wäre keine Zukunft, wenn wir sie kennen würden. Sie kommt auf uns zu, und wir kennen sie nicht. Wir können uns deshalb auch nicht wirklich auf sie einstellen und vorbereiten. Es ist immer möglich, dass wir uns irren, uns falsch verhalten oder scheitern. Vielleicht kommt am Ende alles doch ganz anders, als wir dachten. Können wir damit leben? Der helle Tänzer mit der Clownsschminke läuft pantomimisch und stumm durch die Inszenierung. Er ist da, er schaut und schweigt. wie ein zur Figur gewordenes Fragezeichen. Wir gönnen uns und Ihnen einen spirituellen Abschlussklang in zeitgenössischen Worten von Giannina Wedde.
Suche mich nicht.
Ich bin mit dem Winter,
dem lautlosen Winter
in die Räume des Schweigens gegangen.
Abschied zu nehmen von allem Gesagten,
das stärkte und heilte, das entmutigte und verwundete.
Abschied zu nehmen vom schmerzlichen Raunen
der unausgesprochenen Dinge.
Mit Vergebung im Herzen,
für alle Worte, denen es an Stille fehlte,
und für die alten Sprachlosigkeiten, die wir einander zumuten.
Suche mich nicht.
Ich bin mit dem Winter, dem einsamen Winter
auf den Grund des Alleinseins gesunken.
Um dort die goldenen Fäden zu finden,
die mich mit Menschen verbinden.
Freundschaft, Liebe und geteilte Sehnsucht
nach den täglichen Kostbarkeiten.
Und auch das Kämpfen, das Aneinanderleiden
und die vielen verflochtenen Traurigkeiten.
Ich habe dankbare Blicke und wärmenden Segen
auf diese Fäden gelegt.
Mit dem Wissen im Herzen,
dass ich mir selbst genügen
und zu Begegnung reifen kann.
Suche mich nicht.
Ich bin mit dem Winter,
dem grauen Winter
in die Arme des Dunkels gefallen.
Um jedes sieghafte Licht und jede Gewissheit
gegen die Zartheit einer Frage einzutauschen
und jede Sattheit gegen die Erwartung.
Vom ersten Seufzer des Lassens
bis an die Schwellen des jubelnden Frühlings
bin ich mit dem Winter,
dem wandernden Winter,
durch die Zeit der Verwandlung gegangen.
Und ich kehre nicht mehr zurück.
Schlussmusik „Through bushes and through briars“ (trad. England)
Jedes sieghafte Licht und jede Gewissheit gegen die Zartheit einer Frage eintauschen, und jede Sattheit gegen die Erwartung… Am Ende sind wir die Gefragten. Es gibt einen kurzen, verblüffenden Augenblick in der Inszenierung, als ein grelles Scheinwerferlicht für ein paar Sekunden, aber voll in den Zuschauerraum reinknallt. Ich konnte das vor Schreck gar nicht deuten – und weg war es wieder. Ein toller Moment, gerade weil er so abrupt und schnell vergänglich war und nicht zu erklären. Das Theater spielt mit im Spiel der Gesellschaft. Wir sind die Gefragten: Wie soll es weitergehen, mit uns Menschen? Was wird, was soll kommen, nach alledem? Was hat die Frage mit uns zu tun? Der Rest ist Schweigen, und Schweigen ist oft auch eine Zeit, um in sich zu gehen. Mit diesem Gedanken wollen wir Sie entlassen in diesen Abend, vielleicht auch in die anschließende Vorstellung um 19 Uhr. Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.