Unsere Enkeltochter ist für 2 Jahre als Au pair nach Amerika gegangen. Sie wollte mit dieser Reise auch frei werden von einem schrecklichen Erlebnis hier: Sie musste erleben, wie ein eifersüchtiger Mann ihre Freundin auf grausame Weise ermordete. Nur weit weg wollte sie, weit weg von dem schrecklichen Geschehen und den Bildern. Amerika ist weit, aber jetzt, in den Nächten kommen die Bilder wieder. Und die Fragen! Warum das sein musste, wieso das passiert ist. Letztlich steht unter der Oberfläche die Frage nach Gott. Wo warst du, Gott? Bist du überhaupt?
Da hinein kommt als Monatsspruch dieses große Wort, das der Prophet den Menschen seines Volkes sagt. Vielleicht hatten sie eben einen Krieg verloren und nun konnten sie unter all den schrecklichen Bildern des Todes ihren Gott nicht mehr erkennen. Wo bist du, Gott? Bist du überhaupt?
Luther nannte dieses Schweigen, diese Erfahrung „die dunkle Seite Gottes“: wenn wir Gott nicht spüren wo wir ihn dringend brauchen, wenn er sich verborgen hält. Manchmal erleben wir diese dunkle Seite Gottes, sein Schweigen wie einen Abgrund: Aber wir sollen wissen, dieses Schweigen, dieser Abgrund ist auch Gott!
Der Prophet Hesekiel erinnert die zweifelnden und verzweifelten Menschen daran, was einmal sein wird. So verstehe ich seine Worte: Er spricht in der Sprache der Hoffnung, im Überschwang des Glaubens. Die Hoffnung verspricht mehr, als die nüchterne Wirklichkeit rings herum erlaubt. Alles wird gut! Hesekiel du ferner Bruder, vor über 2000 Jahren hast du auch für uns die Hoffnung festgehalten, dass „alles gut!“ wird: Wenn wir das Verlorene gesucht, das Verirrte zurück gebracht das Verwundete verbunden oder das Schwache gestärkt haben – da überall geschieht ein Stück Himmel. Jetzt sehen wir davon nur manchmal ein Funkeln. Doch einmal- so spricht die Hoffnung, einmal werden wir das ganze Leuchten sehen.
Und unsere Fragen? Und dass Gott fehlte, wo wir ihn gebraucht hätten? Was wird aus den schrecklichen Bildern in unseren Seele? Die Menschen haben durch alle Jahrhunderte hindurch gegen diese Erfahrungen gebetet, gesprochen, geglaubt und gesungen. Unsere schönsten Lieder im Gesangbuch singen von dieser Hoffnung. Vielleicht kann man sich eine Strophe vorlesen, sie laut sprechen, wenn die Angst zu groß wird. Unsere Mütter und Väter haben damit gelebt, in ihnen hat sich der Glaube ausgedrückt. Auch wenn sie anders sprechen als wir heute, es ist die Sprache der Hoffnung, da heißt es zum Beispiel:
Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit..,
den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.