Iris war noch keine Minute im Büro, da raunzte ihre Kollegin sie an. Irgendwas hatte sie gestern wohl nicht „richtig“ gemacht und das bekam sie jetzt aufs Butterbrot geschmiert. Na toll, damit war der Tag schon wieder gelaufen. Hektisch suchte sie nach einer schlagfertigen Antwort, die sie zurück schleudern konnte. Da besann sie sich: Hatte nicht neulich jemand erzählt, dass die Tochter dieser Kollegin ziemlich krank war? Vielleicht war sie deshalb so schnell gereizt. Iris setzte sich erstmal, murmelte etwas von „tut mir leid“ und erkundigte sich dann nach der Tochter. Zögernd begann ihre Kollegin zu erzählen …
Jetzt ist wieder Passionszeit. Viele Menschen nutzen sie zum Fasten, weil sie wissen: Fasten bedeutet nicht, sich mit sauertöpfischem Gesicht nichts Schönes zu gönnen, sondern vielmehr, auf Störendes und Belastendes zu verzichten, um für Stärkendes und Belebendes Raum zu schaffen. In diesem Jahr steht die Fastenzeit unter dem Motto „Mit Gefühl – 7 Wochen ohne Härte“.
Oh ja! Könnte es nicht lieber heißen „7 Jahre ohne Härte“? In unserer Gesellschaft, in der der Umfang miteinander rauer wird, unter der Oberfläche ganz viel Aggression pulsiert und auch die Politik - gar nicht mal nur rechts außen – immer mehr Härte an den Tag legt. Wie gut tut es da, wenn ich in dem Menschen mir gegenüber den Menschen sehe! Und wenn mein Gegenüber in mir den Menschen sieht! „Liebe Deinen Nächsten – er ist wie Du!“, so hat Martin Buber das Gebot (3. Mose 19, 18) übersetzt. Mensch wie ich, wie du.
Auch wenn viele in Härte ein neues Ideal zu sehen scheinen: Sie tut uns nicht gut! Jesus hat uns auf jeden Fall etwas anderes vorgelebt. „Jesus weinte“, lesen wir im Monatsspruch. Nein, er war kein Weichei. Im Gegenteil, er trat selbstbewusst auf und klar in der Sache. Aber eben auch menschlich, verletzlich. Er hat getanzt und getrunken auf Festen und geweint, als sein Freund gestorben war. Über diesen Jesus sagte ein Kollege einmal: „Er lebt sein Menschsein in allen Facetten und verlockt uns, dasselbe zu tun – unmittelbar, herzlich und frei.“
Ich wünsche Ihnen und Euch gute Erfahrungen in dieser Passionszeit!
Freimut Lüdeking