Du hast vor 3 Jahren mit dem Kirchlichen Fernunterricht (KFU) begonnen, quasi ein Theologie-Studium light für Ehrenamtliche. Wie kam es dazu?
☺ ... Theologie „light“ – das bringt es auf den Punkt, eigentlich viel mehr als „Kirchlicher Fernunterricht“...
Der Wunsch, damit zu beginnen, ist ja mit dir, liebe Anne, gemeinsam in der Corona-Zeit gereift. In den digitalen Formaten unserer Gemeinde – etwa beim „Sonntagsgruß“ – haben wir gemeinsam Texte geschrieben und gestaltet. Dabei habe ich gemerkt, dass sich etwas in mir öffnet: eine innere Tür, hinter der mehr ist als Freude an Sprache – dahinter lag eine Sehnsucht, meinen Glauben tiefer zu verstehen und öffentlich verantwortet davon sprechen zu können. Der KFU war für mich dann eigentlich „nur“ die konsequente Einladung, dieser Sehnsucht Raum zu geben und meine theologischen Fragen, meine Liebe zu Texten und meine geistliche Suche miteinander zu verbinden.
Du hast sehr viel investiert: Zeit, Geduld, Ausdauer waren nötig. Du hast Dich eingearbeitet in viele theologische Themen. Und hast viel gelernt. Was leuchtet hervor? Gibt es eine Sternstunde?
Rückblickend gab es nicht die eine Sternstunde, sondern viele dichte Augenblicke des Lernens. Besonders überraschend und prägend war für mich dabei die Dogmatik. Gerade weil Grundsatzfragen in der Theologie häufig mit dem eigenen Glauben in Berührung kommen, habe ich dieses Fach als besonders nah und zugleich gedanklich anspruchsvoll erfahren. Mich hat die Klarheit und Stringenz theologischen Denkens begeistert. Theologie muss sich als Wissenschaft neben anderen Disziplinen behaupten können, sie kann sich nicht in Bekenntnisformeln erschöpfen, sondern ist auf präzise Begriffe und nachvollziehbare Argumentationen angewiesen (wie eben die Mathematik oder Physik auch). Zu entdecken, dass sorgfältiges Denken den Glauben nicht relativiert, sondern vertiefen kann, war für mich eine große Bereicherung.
In besonderer Weise konkret wurde diese Erfahrung in der Auseinandersetzung mit der Spannung zwischen historischer Forschung und persönlicher Glaubensfrage, die sich in meiner Hausarbeit zum „Historischen Jesus“ widerspiegelte. Zu lernen, diese Spannung nicht vorschnell aufzulösen, sondern auszuhalten und sie als bleibende Herausforderung anzunehmen, war für mich prägend. Ja, ich glaube, das war eine der wertvollsten Erfahrungen.
Theologie war nie abstrakt, sondern eher existenziell, wenn ich das so sagen darf: Die Texte begannen zu sprechen, zu widersprechen und zu trösten. Ich habe gelernt, Fragen auszuhalten und dem Glauben sprachfähig Ausdruck zu geben – das war echt, neu und unglaublich spannend für mich.
Gibt es etwas, dass sich für Dich durch diesen KFU verändert hat in deinem Leben und Denken?
„ALLES“ ☺ Im Ernst: Ich gehe jetzt mit einem etwas geschärfteren Blick durch das Leben – für biblische Texte, aber auch für all die kleinen Dinge, die zwischen den Textzeilen, die das Leben schreibt, passieren. Und ich habe gelernt, Theologie nicht nur zu denken, sondern zu leben: in liturgischen Handlungen, im seelsorglichen Zuhören, in Begegnungen mit Menschen, auch in Krisen.
Das Examen war ja bereits im Juni 2025, nach einem längeren „Ausatmen“ und Erholen, ist nun die produktive Unruhe zurück. Und die wird bleiben – ein forschendes Weiterfragen – und zugleich ein tiefes Vertrauen: dass Gott im Suchen, Zweifeln und Gestalten gegenwärtig ist.
Du wirst künftig als Prädikantin in unserem Kirchspiel und sicher auch darüber hinaus im Kirchenbezirk Gottesdienste feiern. Viele haben Dich als Predigerin auch schon kennen- und schätzen gelernt. Was ist Dir wichtig, wenn Du an den Predigtdienst denkst?
Mir liegt am Herzen, dass Predigt und Gottesdienst aus meiner eigenen inneren Haltung und meinem Glauben heraus geschehen – dass ich präsent, aufmerksam und authentisch bin. Im besten Fall kann sich mit der Predigt ein Resonanzraum öffnen: zwischen meinem eigenen Erleben und Berührtsein mit dem biblischen Text, der Lebenswirklichkeit der Menschen und der Gnade Gottes, die alles trägt. In diesem Raum können Worte tragen, sie können trösten und gleichzeitig offenlassen, wo es keine einfachen Antworten gibt.
Und der Gottesdienst endet für mich nicht mit dem Verlassen der Kirche. Er lebt weiter in den Gesprächen, im geteilten Schweigen, im Gefühl, dass wir einander sehen. Für mich wird in diesen Momenten spürbar, dass wir Christen uns erneuern können, immer wieder – durch gegenseitiges Vertrauen, gelebte Gemeinschaft und die Erfahrung, dass Gottes Gegenwart uns hält und stärkt. „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20)
Mit großer Dankbarkeit für alle Menschen, die mir auf meinem Weg begegnet sind, freue ich mich nun auf jede neue Begegnung, jede Erfahrung und jede Gelegenheit, Gottes Wort und Gnade weiterzugeben – mit euch allen/mit Ihnen allen gemeinsam.
Pfrn. Annegret Fischer